»Die Ideen kommen über Nacht.«

Brigitte Blobel

Brigitte Blobel ...

... wurde 1942 in Hamburg geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie in Ahrensburg (Schleswig-Holstein). Nach dem Abitur studierte sie englische und französische Literatur, Theaterwissenschaften sowie Politik und Zeitungswissenschaften und arbeitete in Frankfurt als Redakteurin für Associated Press. Sie hat zwei Kinder großgezogen und lebt jetzt mit ihrem Ehemann erneut in ihrer Geburtsstadt und auf Mallorca. Auf der 300 Jahre alten Finca in der Inselmitte produzieren sie ihren eigenen Wein und ihr eigenes Öl. Neben ihrer Tätigkeit als freie Journalistin und Drehbuchautorin schreibt sie Bücher für Jugendliche und Erwachsene, die bereits vielfach übersetzt und ausgezeichnet wurden.

»Man sieht nur mit dem Herzen gut«

Brigitte Blobel erzählt über das Schreiben, Traktorfahren und darüber, warum Vorbilder im Leben wichtig sind.

Frau Blobel, in Ihrem neuen Jugendroman »Blind Date« geht es um die blinde Zoe, die ihr Leben allein meistert. Sie haben sich im Zuge der Recherche sicher viel mit blinden Menschen beschäftigt. Was haben Sie dabei gelernt?

Brigitte Blobel:
Das steht schon in »Der kleine Prinz«: MAN SIEHT NUR MIT DEM HERZEN GUT.
Eine einfache Übung in das Leben der Blinden einzutauchen ist, für ein paar Stunden eine schwarze Binde über den Augen zu tragen und sich so durch die Wohnung bewegen. Eine ganz neue, beklemmende und aufregende Erfahrung. Am Ende ist man schweißgebadet…. Dann weiß man erst, wie schwierig die kleinsten Dinge des Alltags sind.

Blinde Menschen begegnen im Alltag vielen Hindernisse – welche Probleme haben Sie am meisten überrascht?

Brigitte Blobel:
Dass ein Blinder im Supermarkt zwar alles finden kann, wenn er sich orientiert, aber er weiß nicht, wann ein Produkt abgelaufen ist.
Dass ein Blinder mit einer halboffenen Tür absolut nicht zurecht kommt.
Dass der Blinde eine Ordnung hat, die möglichst nicht gestört werden darf. Er weiß, wo die Dinge liegen, wo die Hindernisse stehen. Wenn man sie umräumt, ist er verloren.
Leute, die ihre Hunde an langer Leine laufen lassen, sind der Horror, weil Blinde vielleicht den Hund, aber niemals die Leine ertasten können. Davon gibt es Tausende Beispiele. Ein Blinder ist außerhalb der eigenen vier Wände immer angespannt.

Was auf der anderen Seite aber wunderbar ist:
Wie im Ausgleich zur Blindheit sich die andern Sinne ausbilden – Tastsinn, Hören, Riechen...
Was ich mir allerdings gar nicht vorstellen kann: Wie ein von Geburt an Blinder unsere Welt begreifen lernt. Und was sich als Vorstellung in seinem Kopf abspielt. Was denkt ein Blinder, wenn wir »Meer« sagen? Oder »Berg«? Oder »schön«?

Zoe ist sehr abgeklärt und Lennart äußerst cool. Sie beschreiben eher zwischen den Zeilen, wie sehr die Liebe zueinander beide aus dem Konzept bringt. Wie können sie ihre Schwierigkeiten überwinden?

Brigitte Blobel:
Hm ... das ist gaaaanz schwer!! Lennart muß Zoe trotz ihrer Behinderung so lieben, wie er jede andere Frau lieben würde. Er darf also nicht zu fürsorglich, nicht zu mitfühlend und ängstlich sein, andererseits aber hat er natürlich die Verantwortung für Zoe, wenn sie zusammen etwas unternehmen, weil sie sich dann auf ihn verlässt. Er kann sie also nach einem Streit nicht einfach mitten auf der Strasse stehen lassen ...

Und Zoe muss sicher sein, dass Lennart über der Rücksicht und Fürsorge nicht die Art seiner Liebe verändert. Das ist schwer. Eine Blinde wie Zoe ist natürlich immer misstrauisch. Sie will nicht, dass man sie bemitleidet! Sie will nicht, dass man mehr Rücksicht auf sie nimmt als auf einen »Gucki«.
Das geht nur, wenn Zoe viel Selbstbewusstsein hat, und wenn sie weiß, dass ihre anderen Eigenschaften und Talente und Wesensmerkmale Lennart so faszinieren, dass er ihre Behinderung vollkommen vergisst in Momenten des Glücks.

Zoe ist eine beeindruckende Persönlichkeit mit Vorbild-Potential. Gab es in Ihrem Leben eine Person, die Sie nachhaltig beeindruckt hat?

Brigitte Blobel:
Alle starken Menschen, die ihre Schwächen bekämpfen, finde ich großartig.
Ich mag Menschen, die das Leben als positive Herausforderung verstehen. Selber zu einem besseren Menschen werden als die Umstände es eigentlich vorsehen, und anderen positive Energien geben.

Sie arbeiten als Journalistin, schreiben Drehbücher und verfassen Romane für Jugendliche und Erwachsene. Nebenbei bewirtschaften Sie Ihre Finca auf Mallorca. Haben Sie Heinzelmännchen zu Hause oder eine Maschine, die den Tag auf 35 Stunden verlängert – oder wie machen Sie das?

Brigitte Blobel:
Das Schreiben, das Erfinden von Charakteren und Schicksalen füllt meine Tage und meine Nächte aus. Ich gehe oft mitten in der Nacht an meinen Schreibtisch, weil mir gerade eine wichtige Szene oder ein wichtiger Satz für ein Buch eingefallen ist. Das macht mir überhaupt nichts aus. Danach schlafe ich dann wie ein Stein. Beim Fantasieren tagsüber kann ich sehr gut nebenher Orangenmarmelade kochen, Wein ernten, Gäste bekochen oder mit dem Traktor das Olivenfeld pflügen. Wer etwas tut, das ihm so sehr gefällt wie mir das Schreiben, empfindet es niemals als anstrengend oder zeitraubend.

Sie haben schon die ganze Welt bereist. Wo ist es am schönsten?

Brigitte Blobel:
In Afrika. Ich komme gerade von da zurück. Wir bereiten einen neuen Film vor, der im November in Namibia gedreht wird.

Wie erleben Sie Ihre jugendlichen Leser?

Brigitte Blobel:
Als tolle neugierige, kritische und begeisterte Menschen, die in Büchern oder Filmen oder ihrem Alltag instinktiv nach Vorbildern und Ideen suchen, um zu erkennen, wohin ihre Lebensreise einmal gehen soll.

Was meint ihr dazu: Wie ist das mit der Suche nach dem richtigen Weg im Leben? Habt ihr Vorbilder? Zur Diskussion im Arena Forum!